Mittwoch, Januar 20, 2010

frozen again



Ist denn dein hertze gar erfroren?
Bist du aus schnee und eiß gebohren?
    Hörst du mein seuffzen nicht/
    Und was mein unmuth spricht?
Soll ich dich göttin nennen?
    So nimm des himmels wehmuth an/
    Der leichtlich sich erbarmen kan/
Und uns nicht ewig läst in hoffnungs-flammen brennen.

Des blutes regung zu vermeiden/
Und gantz von fleisch und blut zu scheiden/
    Ist nirgends ein gebot/
    Es heissets auch nicht Gott;
Sich selber zu verlassen
    Ist eine flucht/ so sträfflich ist/
    Und wer ihm solche bahn erkiest/
Den muß die menschlichkeit als einen unmensch hassen.

Du kanst ja deiner nicht geniessen/
Kein mund weiß selber sich zu küssen/
    Der schnee auff deiner brust
    Bringt dir geringe lust.
Die fleischichten Granaten
    Seynd nicht allein vor dich erdacht/
    Kein mensch ist vor sich selbst gemacht;
Es weiß der klügste geist ihm hier nicht recht zu rathen.

Die rose suchet ihr verderben/
Die auff dem stocke wünscht zu sterben/
    Und nur ihr gantz allein
    Meynt angetraut zu seyn.
Wilst du dich selbst begraben?
    Wer sich in sich umsonst verzehrt/
    Ist warlich seiner selbst nicht werth/
Und muß der thorheit schild an seiner grabstatt haben.

Bezwinge weißlich dein gemüthe/
Und folge zeitlich dem geblüte/
    Darein im paradieß
    Gott selber funcken bließ;
Wer kan ihm widerstreben?
    Schau ich dein helles antlitz an/
    So fühl ich was der himmel kan/
Und wünsch auff deiner brust verparadießt zu leben.


Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1616-1679)

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