Im Juli 2012 war mein Vater gestorben. Wir hatten nie eine enge Beziehung gehabt und so hatte mich sein Tod nicht so sehr erschüttert wie man es normalerweise hätte erwarten können. Ja ich hatte ihn seit Jahren nicht mehr besucht und wusste kaum wie er in den letzten Jahren so gelebt hatte.
Die Trauerfeier fand nur in einem ganz kleinen Kreis statt. Ich war der einzige noch lebende Verwandte und außer mir und meinem Mann Thomas waren nur zwei Freunde meines Vaters erschienen. Sie drückten mir kurz die Hand, lehnten die Einladung zu einem kleinen Essen höflich ab und verschwanden wieder.
Wir gingen den kurzen Weg vom Friedhof zurück in das Haus in dem ich aufgewachsen war. Thomas war nie hier gewesen und so zeigte ich ihm den Garten meiner Kindheit, mein altes Zimmer, das fast noch genau so aussah wie ich es vor über 20 Jahren verlassen hatte, die Küche, das Wohnzimmer.... nichts hatte sich verändert, kaum etwas war hinzugefügt worden. In den Regalen standen dieselben alten Bücher, die Teppiche waren sauber, aber verblichen und in der Küche fand sich das alte Kaffeeservice das noch von meinen Großeltern stammte.
Wir würden alles durchsehen müssen. Vielleicht gab es ein paar Dinge die ich behalten wollte. Alles andere sollte verkauft werden, ich brauchte eigentlich nichts. Die Erinnerungen sind im Kopf gespeichert.
Nach zwei Tassen Kaffee hatten wir die Scheu vor dem Haus verloren und bewegten uns ganz unbefangen in den Räumen. Thomas entdeckte einige Sachen die ihn amüsierten oder zu denen er eine Geschichte von mir hören wollte. Meistens fiel mir nichts dazu ein. Dann rief er mich plötzlich aus dem oberen Stockwerk und als ich zur Treppe kam, sah ich ihn oben mit einem großen gelben Bild in der Hand stehen; "Guck mal was ich im Schlafzimmer gefunden habe! Sollten wir das nicht behalten? Schöner Kitsch! Was macht dein Vater denn mit sowas?" Ich stieg die Treppe hinauf, leicht fassungslos, denn je näher ich kam umso deutlicher konnte ich erkennen, dass der blonde Jüngling auf dem Bild mein Vater war. Etwas geschönt vielleicht, aber unverkennbar. Ich glaube, ich habe ihn nie nackt gesehen, aber das Gesicht war seins und dass er einen so schönen Körper hatte machte mich etwas verlegen, besonders als Thomas sich über den schönen Schwanz mit der goldenen Scham ausließ.
Natürlich würden wir das Bild mitnehmen! Es würde nicht in unserem Schlafzimmer hängen, wie Thomas vorschlug, aber wir würden schon einen schönen Platz finden.
Neugierig geworden begannen wir das Schlafzimmer genauer zu untersuchen und fanden in der Nachttischschublade einige Fotos die ebenfalls meinen Vater zeigten. Er war meist nackt, auf einem Bild war er sogar mit steifem Schwanz zu sehen und auf einem weiteren küsste er einen anderen Mann, beide standen nackt miteinander verschlungen im Wohnzimmer, vielleicht war der Mann einer der beiden Besucher auf der Trauerfeier. "Hast du nichts davon gewusst?" Thomas war etwas besorgt darüber wie ich das alles aufnahm, aber obwohl ich nichts geahnt hatte, empfand ich so etwas wie Verbundenheit mit diesem Mann, vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben.
Wir beschlossen auch die Fotos mitzunehmen und sie an einem besonderen Ort aufzubewahren. Ein kleines Geheimnis für uns zwei.
Die Briefe, die wir später im Kleiderschrank in einem Schuhkarton fanden, verbrannten wir allerdings noch am selben Tag im Kamin. Wir hatten einige gelesen und fühlten uns sofort schuldig in die Privatsphäre meines Vaters eingedrungen zu sein. Hier hatte er sich in ziemlich obszöner Sprache mit einem Liebhaber ausgetauscht, es ging um Fantasien, Dinge, die ich nie ausprobiert hatte, Praktiken die ich nicht mochte. Thomas hatte mir sanft die Briefe aus der Hand genommen und mit dem Kopf geschüttelt. Das ging uns nichts an.
Wir wollten beide nicht in diesem Haus schlafen und so packten wir die paar Sachen zusammen, verstauten sie im Auto und fuhren zurück nach Berlin. Das Haus wurde später verkauft und ich fuhr nie wieder dahin zurück. Das gelbe Bild hängt nun in unserer Bibliothek und nur ein paar Freunde wissen was es mit diesem Gemälde auf sich hat.

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